Finanzwissen

Bleiben Sie informiert.
Filter

VN Private Banking Extra – Interview Dr. Amann

Mit Wilfried Amann, Vorstandsmitglied der Hypo Vorarlberg, führten die VN das folgende Gespräch über die Situation an den Kapital- und Anlagemärkten angesichts der Corona-Pandemie, die Zinsentwicklung sowie die möglichen Herausforderungen im Anlagejahr 2021.

Wie hat sich die Corona-Pandemie bis heute ausgewirkt?

Bald ist es genau ein Jahr her, dass das neuartige Virus das öffentliche Leben und auch die Wirtschaft quer über den Globus mehr oder weniger zum Stillstand gezwungen hat. Durch Covid-19 erlebt die Weltwirtschaft eine der schwersten Rezessionen seit dem 2. Weltkrieg und die weitere Entwicklung hängt immer mehr von staatlichen Unterstützungsmaßnahmen ab. Im Zinsumfeld sind weiterhin keine Änderungen erkennbar: Die Märkte gehen von längerfristig tiefen Zinsen und hoher Notenbankliquidität aus. Die Ankaufprogramme der Notenbanken laufen seit Jahresbeginn wieder auf Hochtouren; über die Ideen zur Rückführung der Staatsschulden, die sich auf absoluten Höchstniveaus befinden, wird allerdings noch nicht gesprochen. Die Deutsche Bundesbank erwartet das Vorkrisen-BIP bis Anfang 2022.

Vieles hängt nun von der weiteren Entwicklung der Corona-Situation ab: Die Aussichten auf eine Normalisierung sind aufgrund der Produktions- und Verteilungsprobleme bei den Impfstoffen aber auch wegen der Verbreitung neuer Virus-Mutationen derzeit noch unsicher.

Welche Trends sind aktuell zu beobachten?

Bei der digitalen Währung Bitcoin gab es kürzlich Höhenflüge: Tesla-Chef Elon Musk ist ein Fan von Kryptowährungen, das Unternehmen hatte zuletzt für 1,5 Milliarden Dollar Bitcoins gekauft und den Kurs der bekanntesten Digitalwährung so weiter befeuert. Bitcoin weist diverse Charakterzüge von Geld, Rohstoffen und Wertpapieren auf und ist deshalb für den Investor schwierig einzustufen. Als hochspekulative Anlageklasse und aufgrund ihrer extremen Schwankungen sehen wir Kryptowährungen als Anlageform besonders kritisch.

Inflation oder Deflation?

Bis vor kurzem waren sich Ökonomen und Investoren einig, dass die schon viele Jahre währende Niedrigzins-Welt mit überaus niedrigen Inflationsraten noch lange Bestand haben würde. An den Finanzmärkten steigt nun die Sorge, dass es infolge der Konjunkturerholung zu einem Comeback der Inflation kommen könnte – insbesondere durch das Programm der Biden-Regierung in den USA. Durch einen Nachfrageboom am Ende der Pandemie könnte die Teuerung kurzfristig steigen. Die Preise werden aber mittelfristig auch durch eine De-Globalisierung und höhere Staatsausgaben getrieben. Quer über den Globus spiegelt sich die Angst vor anziehender Inflation in steigenden Rohstoffpreisen wider und auch bei den Renditen für Anleihen sieht man Mehrmonatshochs.

Wie sieht es an den Emerging Markets aus?

Betrachtet man die Aktienmärkte der Schwellenländer seit Beginn der Pandemie, hat sich China mit Abstand am erfolgreichsten entwickelt, während Lateinamerika und Osteuropa das Nachsehen haben. Man könnte also sagen, dass Asien bzw. China die großen Gewinner der Pandemie sind. China ist die einzige Volkswirtschaft, die 2020 gewachsen ist und auch für 2021 wird dort ein deutliches Wirtschaftswachstum erwartet. Sein Vorteil ist ein sehr moderner Branchenmix und eine erfolgreiche Industrie. Die hohe Nachfrage stabilisiert zugleich die Wertschöpfungskette in Asien.

Was können Anleger in dieser Situation tun?

Es gibt Corona-Gewinner und -Verlierer. Nach einem starken Einbruch an den Börsen vor einem Jahr konnte die Pandemie die Aktienbörsen aber bislang noch nicht nachhaltig aus der Ruhe bringen. Aktien sind im Moment wahrscheinlich noch alternativloser, als sie es bereits vor Corona waren. Das heißt aber nicht, dass es bei dieser Anlageklasse keine Risiken gibt. Diese Alternativlosigkeit ist nun scheinbar auch in der breiten Bevölkerung angekommen: Seit letztem Jahr gibt es einen starken Anstieg bei neuen Wertpapier-Investoren. Fraglich ist nun, ob sich die Aktienkultur tatsächlich geändert hat oder ob das nur ein kurzfristiger Trend ist. Da klassische Geldanlagen auf Tagesgeldkonten aber praktisch keine Zinsen mehr abwerfen, bieten Dividenden eine Möglichkeit, Gewinne aus dem investierten Geld zu erwirtschaften und somit das eigene Vermögen zu erhalten. Es muss aber auch erwähnt werden, dass bei einem Investment in Aktien hohe Schwankungen bis hin zum Verlust des eingesetzten Kapitals möglich sind.

Was sind die größten Herausforderungen für 2021?

2020 wurde deutlich, dass sich die Wirtschaft inzwischen komplett von der Börse entkoppelt hat. Nach wie vor herrscht bei den Investoren eine gute Stimmung und auch die unterstützenden Maßnahmen der Notenbanken sind bestimmend für die Entwicklung der Börsen.

Die Herausforderung wird nun sein, die richtigen Investments zu finden. Anleger tendieren dazu, sich bei Aktien primär auf ihren Heimatmarkt zu fokussieren. In der Post-Corona-Zeit wird es wichtiger denn je sein, in die richtigen Regionen und Sektoren zu investieren. D.h. Anleger sollten auch einmal über den Tellerrand, also über ihren Heimatmarkt hinaus, blicken – am besten gemeinsam mit ihrem Berater. Zudem wird man sich aufgrund der rasch veränderten Informationslage in nächster Zeit wieder auf volatilere Märkte einstellen müssen.

Marketingmitteilung im Sinne des WAG 2018.