Im Rahmen des alljährlichen Private Banking Forums der Bank trafen mit Stephan Bohle, Leiter Private Banking der Hypo Vorarlberg in Bregenz, und Moritz Kraemer, Chefvolkswirt und Leiter des Konzernbereichs Research der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), zwei Perspektiven aufeinander. Sie diskutierten aktuelle Trends, Risiken und Zukunftsaussichten an den Märkten – und zeigten auf, wie eng individuelle Anlageentscheidungen mit globalen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verknüpft sind.
Konflikte, Handelsrestriktionen und neue Allianzen prägen die globale Wirtschaft.
Welche geopolitischen Entwicklungen könnten die Kapitalmärkte heuer am stärksten beeinflussen?
Moritz Kraemer: Natürlich hängt die Entwicklung maßgeblich vom Ölpreis ab, der die Inflation weiter antreiben und zugleich die Konjunktur dämpfen könnte – wodurch die Notenbanken zu schwer kalkulierbaren Maßnahmen gezwungen würden. Die derzeit kaum abschätzbaren Folgen des Konflikts im Nahen Osten stehen ganz oben auf dem Sorgenzettel der Investor:innen. Da das strategische Ziel des Angriffs nach wie vor nebulös bleibt und je nach Laune von Präsident Trump auch immer mal wieder wechselt, ist es für Kapitalmarktteilnehmer:innen nahezu unmöglich abzuschätzen, wie lange die Kriegshandlungen noch weitergehen werden.
Stephan Bohle: Dabei darf der Krieg in Europa keinesfalls vergessen werden. Wenn überhaupt nutzt der Krieg im Mittleren Osten dem Kreml, weil die USA dazu geneigt sein könnten die Sanktionen gegenüber russischen Öllieferungen weiter zu lockern. Das würde der mittlerweile doch deutlich leidenden russischen Wirtschaft wieder Auftrieb geben.
Stichwort Europa: Sehen Sie aus Ihrer Praxis dennoch Anlegerchancen?
Bohle: Ja, durchaus. Gerade in einem anspruchsvollen Umfeld setzen wir stärker auf selektive Investments. Weniger beachtete Branchen oder Unternehmen können attraktive Chancen bieten, wenn sie sorgfältig ausgewählt werden und zur individuellen Strategie passen. Vergleichen wir die Bewertung von Branchen, so lässt sich feststellen, dass zum Beispiel Pharmaunternehmen oder auch Telekom etwas „aus der Mode“ gekommen zu sein scheinen.
Kraemer: Insgesamt sehe ich eher überdurchschnittliches Potential bei Werten aus der sogenannten zweiten Reihe, also Small- und Midcaps, die vom Börsenboom seit 2023 nur unterproportional zu profitieren wussten. Aber in Anbetracht der hohen Bewertungen im Markt generell und der enormen geopolitischen Risiken hielte ich in jedem Fall eine eher untergewichtige Aktienquote für geboten. Die „fetten Jahre“ an der Börse dürften erst einmal vorbei sein.
Die anhaltende Volatilität dürfte ein zentrales Marktmerkmal bleiben – welche konkreten Strategien bieten sich an?
Kraemer: In der Tat: die Volatilität ist auf dem Vormarsch – getrieben durch Trump, in dessen irrlichtenden Worten die Märkte immer wieder versuchen, eine strategische Struktur hineinzuinterpretieren. Defensive Strategien können hier vor einem unerwartet rasanten Kursverfall schützen. Da Aktienmärkte üblicherweise stärker von Volatilität getroffen sind als etwa Unternehmensanleihen, wäre Teil einer vorsichtigen Positionierung beispielsweise eine Reduzierung der Aktienquote, gepaart mit Absicherungsinstrumenten.
Bohle: Innerhalb des Aktienportfolios ist gegebenenfalls eine Umschichtung hin zu weniger zyklischen Werten mit stabilen Dividendenzahlungen anzudenken. In dem Ausmaß, in dem Kurse tatsächlich fallen ollten, können sich auch neue Einstiegszeitpunkte anbieten. Wichtig ist auch bei „buy the dip“ nicht alles auf eine Karte zu setzen, sondern sukzessive wieder in den Markt einzusteigen, wie bei einem Sparplan üblich. Das verteilt das Risiko über die Zeit.
Gold und Silber haben zuletzt stark performt. Ist der Zug für Neueinsteiger:innen bereits abgefahren – oder sehen Sie noch ein attraktives Chance-Risiko?
Kraemer: Für dieses Jahr dürfte die Rally bei Gold vorerst weiter anhalten, wenn auch mit gebremstem Schaum. Dafür sprechen vor allem die anhaltenden Käufe der ETCs, also börsengehandelten Rohstoffen, sowie die wenig dynamische Angebotsseite am Goldmarkt. Preisauftrieb gibt auch die Aussicht auf niedrigere US-Leitzinsen, die absehbare weitere Abwertung des US-Dollar und die steigende Goldnachfrage durch Kryptowährungen.
Bohle: Gold bleibt damit insbesondere für langfristig orientierte Anleger:innen eine attraktive Alternative. Für Mitte 2027 werden Preise von rund 6.000 USD je Feinunze erwartet – keine Dynamik wie in der jüngsten Vergangenheit, doch ein Zuwachs von nahezu 20 % innerhalb von 18 Monaten ist durchaus beachtlich. Die eindrucksvolle Rally der vergangenen Zeit mahnt jedoch zur Umsicht – auch bei Gold.
Welche langfristigen makroökonomischen Trends werden 2026 konkrete Anlagechancen bieten, die heute noch unterbewertet sind?
Kraemer: Das sind die großen strukturellen und demographischen Herausforderungen des kommenden Jahrzehnts, und insbesondere was den Klimawandel angeht, deutlich darüber hinaus. Was das laufende Jahr 2026 angeht, erwarte ich allerdings, dass Anleger:innen eher von kurzfristigeren Themen getrieben sein dürften. Darin ähneln sie der Politik, die ja auch die Herausforderungen um alternde Gesellschaft und wachsenden Klimarisiken gerne auf die lange Bank schiebt.
Bohle: Gleiches gilt für die anderen Megatrends. Spätestens seit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine ist das Thema Sicherheit zu einem zentralen Komplex avanciert. Und zwar weit gefasst, also nicht Verteidigung, sondern resiliente Infrastrukturen, sichere Kommunikationswege, sichere Versorgung durch dezentrale Strukturen.
Welche typischen Anlegerfehler erwarten Sie im aktuellen Umfeld?
Kraemer: Der größte Fehler besteht in der blauäugigen Extrapolation vergangener Erträge in die Zukunft. Insbesondere, wenn man mehrere wirklich außergewöhnlich gute Börsenjahre hinter sich hat, wie etwa 2023 bis 2025.
Bohle: Eine ganzheitliche Betrachtung des Vermögens ist essenziell, um die Entwicklung einzelner Anlageklassen – insbesondere von Aktien – angemessen zu bewerten. Obwohl Aktien häufig nur einen geringen Anteil am Gesamtvermögen darstellen, binden sie überproportional viel Aufmerksamkeit. Eine korrekte Einordnung trägt dazu bei, emotionale Reaktionen in volatilen Marktphasen zu vermeiden. Ein Beratungsgespräch kann diesen Prozess sinnvoll unterstützen.
Kraemer: Genau! Allerdings höre ich immer wieder, dass wegen der KI-Perspektiven dieses Mal alles anderes sei und die gegenüber dem historischen Mittel überdurchschnittlich hohen Aktienbewertungen deshalb gerechtfertigt seien. Das mag so sein. Nur die Zeit wird es uns zeigen. Andererseits möchte ich zu bedenken geben, dass „this time is different“ vielleicht der teuerste Satz der Finanzgeschichte ist!