Produktivität schlägt Einfuhrzölle

Nach Ansicht des Präsidenten der Federal Reserve Bank of Richmond, Tom Barkin, beschreibt der Titel "I'm Still Standing" von Elton John treffend den Zustand der US-Wirtschaft. Trotz mannigfaltiger Rezessionsprophezeiungen vermochte es die US-Wirtschaft im dritten Quartal 2025, mit einer Jahresrate von 4,3 % zuzulegen. Damit dürfte es für das Gesamtjahr 2025 auf eine Rate von gut 2 % herauslaufen. Eine Rezession sieht freilich anders aus. Dabei hatten die Skeptiker gute Argumente auf ihrer Seite. Die Erhöhung der US-Einfuhrzölle steigert die Einstandskosten der US-Unternehmen und führt zu einer Anpassung der Lieferketten. Die geringere Nettozuwanderung infolge der Änderung der US-Migrationspolitik belastet den Konsum sowie das Arbeitsangebot. Darüber hinaus trat der Staat bei seinen Ausgaben auf die Bremse. So sanken die Ausgaben des Zentralstaates (ohne Verteidigung) im dritten Quartal 2025 um 3,6 % gegenüber dem Vorjahresquartal.

Die Einfuhrzölle haben zwar die Einstandskosten in die Höhe getrieben, aber die Auswirkungen auf die Verbraucherpreise blieben bislang sehr verhalten. Die Inflationsrate sank jüngst sogar, und zwar von 3,0 % im September auf 2,7 % im November. Auch wenn die November-Inflationsrate durch die spätere Erhebung der Preise infolge des Regierungsstillstandes nach unter verzerrt sein dürfte, ändert dies nichts am Befund, dass die Inflation auf Ebene der Endverbraucher angesichts der Erhöhung der Einfuhrzölle von gut 2 % im Jahr 2024 auf knapp 17 % Mitte November 2025 überraschend niedrig geblieben ist.

Die geringe Überwälzung der Einfuhrzölle drängt die Schlussfolgerung auf, dass die US-Unternehmen eine Einengung ihrer Gewinnmargen hinnehmen mussten, aber dem ist nicht so. Die US-Unternehmen konnten die höheren Einstandskosten weitgehend durch Produktivitätssteigerungen auffangen. Dadurch konnten die Lohnstückkosten konstant gehalten werden. Dies kompensierte die höheren Einstandskosten.

Trotz all dieser positiven Überraschungen ist der US-Konjunkturausblick mit hohen Risiken behaftet, denn die US-Wirtschaft steht nur auf einem Bein: Dem KI-Boom. Dieser ist ursächlich für den rasanten Anstieg der Anlageinvestitionen im abgelaufenen Jahr. Abseits des KI-Booms sind die Unternehmen sehr zögerlich mit einer Ausweitung ihrer Investitionen. Ein ähnliches Bild zeigt sich beim persönlichen Verbrauch. Dieser legte im dritten Quartal 2025 mit einer Jahresrate von 3,5 % zu. Aus Umfragen wissen wir jedoch, dass die Konsumentenstimmung ins Bodenlose abgesackt ist. Nur Besserverdienende sind noch guter Laune. Diese profitieren dank ihres Aktienportefeuilles von der Hausse der "glorreichen Sieben", womit wir wieder beim KI-Boom wären. Ein Pro-Argument für die US-Wirtschaft ist kürzlich jedoch hinzugekommen: Der Preis für eine Gallone Benzin ist dieser Tage unter die Marke von 2,80 US-Dollar gefallen. Sollte dieses Preisniveau gehalten werden, dürfte die US-Verbraucher im Jahr 2026 an den Tankstellen gut 90 Mrd. US-Dollar oder 0,4 % ihres Verfügbaren Einkommens sparen. Diese Entlastung dürften vor allem die Bezieher niedriger Einkommen spüren. Da Geringverdiener eine höhere Konsumneigung haben, sollte der stimulierende Effekt auf die US-Konjunktur größer ausfallen. In dieser verworrenen Gemengelage dürfte die US-Notenbank ihren Zinssenkungskurs nur vorsichtig fortsetzen, zumal das "neutrale" Leitzinsniveau nach Ansicht vieler Fed-Offizieller schon erreicht ist. Nach Prognose der LBBW wird die Fed 2026 nur noch einmal die Leitzinsen senken.

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