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Hypo Börsenblick

17.06.2024
Macrons Wette beunruhigt die Märkte

In der Hoffnung, nach dem Debakel bei der Europawahl mehr Klarheit in die innenpolitische Situation zu bringen, ließ sich der französische Präsident Macron zu einem Manöver hinreißen, welches von den Märkten wenig goutiert wurde. Sein Aufruf zu vorgezogenen Neuwahlen führte zu einem Ausverkauf an den französischen Märkten. Der Leitindex CAC 40 gab allein am Freitag um über 2,3 % nach. Auf Wochensicht fiel der Index um mehr als 6 % und verzeichnete damit den größten wöchentlichen Rückgang seit März 2022. Anleger flüchteten auch aus französischen Bankentiteln. Die großen Banken wie Société Générale, BNP Paris und Crédit Agricole büßten jeweils über 10 % ein. Der Ausverkauf wurde auch durch einen sprunghaften Anstieg der Risikoprämie französischer Staatsanleihen gegenüber deutschen Bundesanleihen getrieben, der auch die Renditen anderer Euroländer mit nach oben zog. Ängste vor einer neuen, sich anbahnenden Eurokrise sind aber wohl überzogen. Die Europäische Zentralbank macht sich laut einem von Bloomberg zitierten Insider keine Sorgen, dass die Marktbewegungen in Frankreich nachhaltig Turbulenzen auslösen könnten. Für Beruhigung an den Märkten dürfte heute auch Sorgen, dass Marine Le Pen, die Spitzenkandidatin der französischen Rechtsaußen-Partei Rassemblement national und Macrons gefährlichste Gegenspielerin, ankündigte im Fall eines Wahlsiegs nicht auf Konfrontationskurs mit dem Präsidenten gehen zu wollen. Sie respektiere die Institutionen und strebe im Fall einer Regierungsmehrheit eine Koexistenz mit Macron an. Die Aussagen passen auch zum Versuch Le Pens, sich ein gemäßigteres Image zu geben und das rechtsextreme Erbe der Partei in den Hintergrund zu rücken. Dass eine Regierungschefin Le Pen Europa aber vor Probleme stellen würde, ist unbestritten. Die wirtschaftspolitischen Vorschläge ihrer Partei, von Steuersenkungen in Milliardenhöhe bis hin zur Absenkung des Pensionsantrittsalters auf 60 Jahre, wären eine massive Belastung für den französischen Staatshaushalt. Und auch außenpolitisch könnte ihre Nähe zu Russland für Spannungen mit anderen europäischen Staaten sorgen.

Nicht nur innerhalb Europas könnte die Ukrainepolitik bald auf die Probe gestellt werden. Die am Sonntag in der Schweiz zu Ende gegangene Konferenz zu einer möglichen Friedenslösung in der Ukraine machte deutlich, dass viele nicht-westliche Länder kein Interesse daran haben, ihr Verhältnis zu Russland wegen des Angriffskrieges zu überdenken. Obwohl die Abschlusserklärung Russland nicht direkt verurteilt, verweigerten u.a. Indien, Brasilien und Südafrika ihre Unterschrift unter das Dokument. Russland selbst war, im Gegensatz zur Ukraine, zwar diesmal nicht eingeladen, die Unterzeichnerstaaten sprachen sich aber dafür aus, das Land bei zukünftigen Friedensgipfeln inkludieren zu wollen. China hatte seine Teilnahme bereits im Vorfeld abgesagt.

Im Reich der Mitte wurden heute früh eine Reihe an Daten gemeldet. Positiv überraschen konnte seit Langem wieder einmal der Konsum. Die Umsätze im Einzelhandel legten nämlich mit 3,7 % y-y stärker zu als erwartet. Gleichzeitig fiel aber das Produktionswachstum unerwartet schwach aus und konnte nur um 5,6 % y-y zulegen. Auch das Wachstum bei den Anlageinvestitionen lag, vor allem aufgrund der anhaltenden Schwäche im Immobiliensektor, mit 4% unter den Erwartungen. Am Dienstag stehen in den USA ebenfalls die Daten zum Einzelhandel an, während geldpolitisch nach EZB und Fed nun am Donnerstag alle Augen auf die Bank of England sowie die Schweizer Nationalbank gerichtet sind.

14.06.2024
US-Daten unterstützen das Disinflationsbild

Gemäß gestern veröffentlichten Daten haben sich die Erzeugerpreise in den USA im Mai schwächer entwickelt als gemeinhin erwartet worden war. Die wöchentlichen Daten zu den Erstanträgen auf Arbeitslosenunterstützung stiegen unerwartet deutlich an. Sie erreichten mit einem Wert von 242.000 den höchsten Stand seit August letzten Jahres. Bei beiden Daten handelt es sich zwar nur um eher schwache Indikatoren für die künftige Inflationsentwicklung, aber zumindest die Richtung stimmt und unterstützt das Bild einer nachlassenden Inflation in den USA. Die Renditen von deutschen und US-amerikanischen Staatsanleihen gaben in Reaktion darauf ein paar Basispunkte nach und setzten ihren seit Dienstag zu beobachtenden Abwärtstrend fort. Am Nachmittag trieben die Finanzmärkte noch einmal verstärkt Sorgen um die politische Entwicklung Frankreichs um. Der Renditeaufschlag zwischen deutschen und französischen Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit beläuft sich inzwischen auf fast 0,7 Prozentpunkte - der höchste Stand seit 2017 und gut 0,2 Prozentpunkte mehr als noch zu Wochenbeginn. Die europäischen Aktienmärkte weiteten ihre Verluste aus und der Euro wertete gegenüber dem US-Dollar ab.

Heute Nacht beschloss die japanische Notenbank erwartungsgemäß, ihre Leitzinsen unverändert zu lassen. Überraschend war für Marktteilnehmer allerdings die Nachricht, dass die Währungshüter ihre Entscheidung hinsichtlich der weiteren Entwicklung ihres Anleihekaufprogramms auf den nächsten Sitzungstermin verschoben. Der Japanische Yen wertete daraufhin gegenüber Euro und US-Dollar ab.

Hinsichtlich der Konjunkturdaten dürften die Finanzmarktteilnehmer heute vor allem auf die Vorabveröffentlichung des Indikators zum US-Verbrauchervertrauen der Uni Michigan schauen. Zudem wird EZB-Chefin Christine Lagarde um 19:30 Uhr eine Rede auf einer Konferenz in Dubrovnik halten. Spätestens um 21 Uhr dürften dann die Fußballinteressierten in Europa vor den Bildschirmen sitzen, um den Anpfiff des ersten Spiels der Fußball-Europameisterschaft zu verfolgen. Am Wochenende stehen gleichwohl auch noch wichtige politische Veranstaltungen auf dem Programm. Auf ihrem Gipfel in Italien beschlossen die Staats- und Regierungschefs der G7-Staaten gestern, Zinserlöse der eingefrorenen russischen Gelder nutzen zu wollen, um ein Kreditpaket von rund 50 Mrd. US-Dollar zur Unterstützung der Ukraine abzusichern. Der Gipfel geht noch bis Samstag. Am Samstag und am Sonntag findet dann in der Schweiz die Ukraine-Friedenskonferenz statt.

 

 

13.06.2024
Ambivalente Signale aus Washington

Der gestrige Mittwoch stand ganz im Zeichen der Geldpolitik jenseits des Atlantiks. So gab der erfreuliche Rückgang der US-Verbraucherpreise den Börsen zunächst kräftig Rückenwind. Während die Marktteilnehmer mehrheitlich mit einer Stagnation der Teuerungsrate gerechnet hatten, sank die Inflation in den Vereinigen Staaten im Mai überraschend auf 3,3 %. Zuvor lag diese bei 3,4 % im Vergleich zum Vorjahresmonat. Die isolierte Betrachtung der Kernrate zeigt ein ähnliches Bild, da auch hier ein unerwarteter Rückgang von 3,6 % auf 3,4 % zu verzeichnen war. Die neu entflammten Zinshoffnungen stimmten die Börsianer zunächst mehrheitlich positiv.

Wenig überraschend verkündete die Fed, dass diese ihr Tagesgeldzielband unverändert bei 5,25 % - 5,50 % belasse. Darüber hinaus bekräftigten die Währungshüter erneut, dass Zinssenkungen erst dann angemessen seien, wenn mehr Zuversicht über eine nachhaltige Rückkehr zur Preisstabilität herrsche. Zumindest registriere die Fed "gemäßigte" Fortschritte in diese Richtung. Im Kontrast zu den jüngsten Entspannungssignalen an der Preisfront verunsicherte die Notenbank jedoch mit ihren angehobenen Inflationsprojektionen für dieses und nächstes Jahr. Während die Ökonomen im März noch drei Senkungen ins Auge fassten, avisieren diese bis Ende 2024 nunmehr nur noch einen Zinsschritt. Den überraschenden Inflationsrückgang bezeichnete Fed-Chef Jerome Powell zwar als ermutigend, doch seien mehr "gute Daten" notwendig. Zwar seien sie von den schlechter als erwartet ausgefallenen Inflationsdaten im ersten Quartal auf dem falschen Fuß erwischt worden, jedoch könne sich die Fed nicht von einem einzigen Datenpunkt leiten lassen. Trotz der Gemengelage schloss der S&P 500 mit einem Plus von 0,85 % bei 5.421 Zählern. DAX und Euro Stoxx 50 gingen zuvor beide jeweils mit +1,4 % aus dem Handel.

 

Auf Basis der impliziten Leitzinserwartungen lässt sich für eine Zinssenkung im September lediglich eine Wahrscheinlichkeit von 61 % errechnen. Für November liegt diese bei 75 % und für Dezember bei 94 %.

12.06.2024
Warten auf die Fed

Nach der EZB letzte Woche berät heute der Offenmarktausschuss der US-Notenbank über die Geldpolitik in den USA. Am Abend werden die Märkte über das Ergebnis unterrichtet. Allerdings rechnet niemand mit einer Änderung des Zielbandes für den Tagesgeldsatz von derzeit 5,25% bis 5,50%. Im Mittelpunkt des Interesses stehen vielmehr die Erwartungen für die Inflation, das Wachstum und die Leitzinsentwicklung, die sich in den sog. "Dot Plots" niederschlagen. Wie schätzen die Geldhüter die Lage ein? Bleibt die Konjunktur robust und die Inflation hoch? Dann könnte dies den Marktspekulationen auf sinkende Leitzinsen im Jahresverlauf einen weiteren Schlag versetzen.

Die Zinsentscheidung der Fed ist nach Meinung der LBBW ungeachtet des bereits eingetüteten "Haltens" kein "Non-Event". So spielt die Wortwahl der Währungshüter eine wichtige Rolle, was die Beurteilung des künftigen geldpolitischen Kurses angeht. Dies gilt sowohl für die geldpolitische Lageeinschätzung als auch für die anschließende Pressekonferenz von Fed-Chef Powell. Die Summe der seit Anfang Mai veröffentlichten US-Makrodaten spielt nach LBBW  Research tendenziell den geldpolitischen Tauben in die Karten. Daran dürften auch die heutigen Daten zur Inflation in den USA für Mai nichts ändern, die sozusagen den Währungshütern "zur Türe reingereicht" werden. Die LBBW erwartet etwas weniger Inflation als zuletzt, aber mit einem monatlichen Anstieg um 0,2 % in der Headline bzw. um 0,3 % in der Kernrate ohne Nahrungsmittel und Energie dürfte trotzdem noch genügend Druck in der Preispipeline sein.

Die Sorgen der US-Notenbank hätte man in China vielleicht gerne. Die Inflation im Reich der Mitte lag im Mai ebenfalls bei 0,3 % - im Jahr! Nach Angaben von Beobachtern zeigen die heute Nacht veröffentlichten Zahlen zu den Verbraucherpreisen anhaltende Deflationsrisiken und spiegeln mithin die verhaltene Konjunktur wider.

Die Wahl zum EU-Parlament zieht Kreise bis in die Finanzmärkte. Die Entscheidung von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, aufgrund des desolaten Abschneidens seiner Regierungspartei das Parlament aufzulösen und kurzfristig Neuwahlen anzusetzen, hat die Märkte verunsichert. Die Spreads für französische Staatsanleihen gegenüber Bundesanleihen zogen seither für die 10-jährigen Restlaufzeiten um 12 Basispunkte auf aktuell 62 Basispunkte an. Zugelegt haben parallel hierzu auch die Zinsaufschläge für italienische Staatsanleihen, obgleich die Partei der Regierungschefin Giorgia Meloni die EU-Wahlen klar für sich entschied.

 

11.06.2024
Unsicherheit nach Europawahl

Am vergangenen Freitag hatte bereits der positiver als erwartet ausgefallene US-Arbeitsmarktbericht den Euro gegenüber dem US-Dollar auf Talfahrt geschickt. Die starken Daten vom Arbeitsmarkt könnten ein Bremsfaktor für die etwaige Leitzinswende der Federal Reserve sein. Vor dem Arbeitsmarktbericht hatte der Euro noch bei 1,09 US-Dollar notiert, im Laufe des Freitagnachmittags fiel die Gemeinschaftswährung auf 1,08 US-Dollar. Der politische Rechtsruck bei der Europawahl am Wochenende und vor allem die Anberaumung von Neuwahlen des französischen Parlaments durch den Präsidenten Emmanuel Macron verstärkten den Abwärtstrend des Euro gestern noch weiter. Die Gemeinschaftswährung markierte bei 1,0733 US-Dollar den niedrigsten Stand gegenüber dem Greenback seit einem Monat.

 

Auch gegenüber dem Schweizer Franken gab der Euro gestern weiter ab. Bereits seit Ende Mai scheint die Schwäche der eidgenössischen Währung zum Euro beendet. Gestern wertete der Euro auf bis zu 0,9623 Franken ab. Noch vor gut zwei Wochen lag der Wechselkurs knapp unter der Parität.

Die Aktienmärkte mussten die Nachrichten vom Wochenende aus Europa und Frankreich gestern erst einmal verdauen. Die politische Unsicherheit sorgte für einen schwachen Wochenstart. Der DAX rutschte rasch in die Verlustzone und sank zwischenzeitlich unter 18.400 Punkte. Das Aktienbarometer konnte sich aber im Tagesverlauf wieder etwas fangen. Am Ende des Handelstages schloss der DAX leicht im Minus bei 18.495 Punkten.

Nachdem sich der Wirbel um die Nachrichten aus Europa wieder etwas gelegt hat, dürfte sich die Aufmerksamkeit der Akteure an den Finanzmärkten wieder vermehrt auf die am Mittwoch angesetzte Zinssitzung der Federal Reserve und die zuvor anstehenden US-Inflationsdaten richten.

Heute stehen Reden des EZB-Ratsmitgliedes Villeroy sowie des EZB-Chefvolkswirtes Lane auf dem Programm. Bereits gestern äußerte sich der Präsident der Deutschen Bundesbank Joachim Nagel zur Zinspolitik der EZB. Er mahnte zur Vorsicht und verwies auf die große Unsicherheit über die künftige Wirtschafts- und Preisentwicklung. Auch die EZB-Chefin Christine Lagarde dämpfte die Erwartungen an eine schnelle Zinswende. Sie erklärte den Kampf gegen die Inflation noch nicht für gewonnen.

10.06.2024
Paukenschlag in Paris

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron reagierte unmittelbar auf das Debakel seines zentristischen Parteienbündnisses in der EU-Wahl. Schon in drei Wochen werden die Franzosen an die Urnen treten, um eine neue Nationalversammlung zu wählen. Der zweite, entscheidende Wahlgang findet dann eine Woche später statt. Das Mehrheitswahlrecht begünstigt in der aktuellen Konstellation den rechtspopulistischen RN von Marine Le Pen, zumal die Anti-Macron-Stimmung die Bildung eines breiten Bündnisses von gemäßigten Sozialisten bis zu traditionellen Konservativen (LR) verhindern dürfte. In einer erneuten "Cohabitation", d.h. einer Parlamentsmehrheit gegen den Elysee-Palast, würde der RN die Innen- und Wirtschaftspolitik besetzen, während der Präsident die Außenpolitik bespielt. Dabei käme es allerdings schnell zum Schwur auch an den Finanzmärkten, wenn die Populisten wie versprochen das Rentenalter wieder absenken würden. Bei der nächsten Wahl würden sie an ihrer Bilanz gemessen und nicht an Parolen. Abzuwarten bliebe auch, inwieweit sie eine härtere Gangart in der Migrationspolitik, eines der Leitmotive des Wahlkampfes in der gesamten EU, durchsetzen können.

Nicht nur in Frankreich, sondern auch EU-weit gehen die Mitte-Rechts-Parteien der EVP gestärkt aus der Wahl hervor. Die Schwäche der Liberalen spricht allerdings gegen einen Wechsel von der informellen Großen Koalition EVP/Sozialisten/Liberale zu einem Bündnis rechts der Mitte EVP/Rechtskonservative/Liberale. Dieser brächte sicher Akzentverschiebungen in Politikfeldern wie Migration, Außenhandel, Umwelt/Klima oder Staatsschulden. 

Die Finanzmärkte werden all dies diskutieren, aber der Hauptfokus richtet sich weiterhin auf die Zinspolitik der Notenbanken. Von der Washingtoner Fed erwarten wir am Mittwoch keine Ambitionen auf schnelle Senkungsschritte. Dies gilt umso weniger, als der US-Arbeitsmarktbericht am vergangenen Freitag nicht nur einen hohen Stellenaufbau, sondern auch ein kräftiges Lohnwachstum konstatierte. Stärken könnte dies wieder einmal den US-Dollar.

 

07.06.2024
EZB vollzieht Leitzinswende

Die Europäische Zentralbank hat erwartungsgemäß gestern ihre Leitzinsen um einen Viertelprozentpunkt gesenkt. Der für den Geldmarkt maßgebliche Einlagesatz wird ab dem 12. Juni 3,75 % betragen. Die Staatsanleiherenditen stiegen im Euroraum dennoch ein paar Basispunkte an, denn die Zinssenkung war gemeinhin erwartet worden, doch die Revision der Projektionen des EZB-Stabs zur Inflationsentwicklung überraschte auf der Oberseite. Die EZB-Experten hoben ihre Prognose für die Inflationsrate im kommenden Jahr von 2,0 % auf 2,2 % an. Sie erwarten für 2026 aber unverändert eine Inflationsrate von 1,9 %. Der Tenor der geldpolitischen Erklärung des EZB-Rates klingt in unseren Ohren, was die Inflation angeht, etwas weniger zuversichtlich als beim letzten Zinsentscheid. Die LBBW sieht nach wie vor Luft für weitere Zinssenkungsschritte, denn auch nach der Zinssenkung dürfte das Leitzinsniveau restriktiv auf die Wirtschaftsentwicklung wirken. Als wahrscheinlichste Termine für weitere Zinssenkungen in diesem Jahr erachten sie die beiden noch ausstehenden Ratssitzungen mit Veröffentlichung neuer Stabsprojektionen, also September und Dezember. Gleichwohl wiederholte EZB-Chefin Christine Lagarde gestern mit Nachdruck, dass die EZB nicht vorbestimmt hat, wann sie wie viele Zinssenkungen liefern wird. Und sie tut unseres Erachtens auch gut daran, denn Raum für Enttäuschungen gibt es genug.

Finanzmärkte blicken heute auf den US-Arbeitsmarktbericht An den Finanzmärkten ist heute noch einmal Spannung angesagt, wenn um 14:30 Uhr in den USA der monatliche Arbeitsmarktbericht veröffentlicht wird. Die Prognose der LBBW eines Stellenaufbaus von 150.000 im Mai ist im Vergleich zu anderen Häusern etwas auf der vorsichtigen Seite. Durch die am Mittwoch vom Personaldienstleister ADP veröffentlichten Daten sehen sie sich hier aber vorerst bestätigt. Heute früh um 8:00 Uhr werden aus Deutschland die Daten zur Industrieproduktion für April veröffentlicht. Die gestrigen Daten zu den Auftragseingängen im Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland fielen etwas enttäuschend mit einem Minus von 0,2 % im Vergleich zum Vormonat aus. Um 8:30 Uhr veröffentlicht dann die Deutsche Bundesbank ihre halbjährlichen Konjunkturprognosen. Mit Blick auf das Wochenende kommen die Europawahlen am Sonntag zum Abschluss. Den Auftakt hatten gestern bereits die Niederlande gemacht. Heute folgen Irland und Tschechien, am Samstag Italien, Lettland, Malta und die Slowakei. In den übrigen Ländern wird am Sonntag gewählt. In Belgien finden außerdem am Sonntag Parlamentswahlen statt.

06.06.2024
Nach der Zinssenkung ist vor der Zinssenkung

Die EZB-Offiziellen haben im Vorfeld der heute anstehenden Ratssitzung mehrere Winke mit dem Zaunpfahl gegeben, dass mit einer Leitzinssenkung zu rechnen ist. Dementsprechend erwarten alle von der Nachrichtenagentur Reuters befragten Volkswirte, dass die EZB heute die Leitzinswende einläuten wird. Angesichts dessen richtet sich das Augenmerk der Finanzmarktteilnehmer auf die Frage, wie es nach der bereits abgehakten Leitzinssenkung im Juni weitergehen wird, getreu dem Motto: "Nach der Zinssenkung ist vor der Zinssenkung". Der Konsens im EZB-Rat geht nach LBBW-Einschätzung derzeit dahin, Zinssenkungen jeweils zu den Terminen mit neuen Stabsprojektionen, also September und Dezember, in Erwägung zu ziehen. Die nächste Sitzung des EZB-Rates im Juli sollte demnach ohne eine Leitzinssenkung vonstattengehen. Die jüngste Veröffentlichung der Tariflöhne hat dabei Wasser auf die Mühlen derjenigen Ratsmitglieder geleitet, welche sich gegen vorschnelle Leitzinssenkungen aussprechen. Im ersten Quartal 2024 zogen die Tariflöhne mit einer Veränderungsrate von 4,7 % gegenüber dem gleichen Zeitraum im Vorjahr an, nach einer entsprechenden Rate von 4,5 % im Schlussquartal 2023. Nach LBBW-Prognose wird die EZB ihren Einlagesatz von derzeit 4,00 % bis Mitte nächsten Jahres in mehreren Schritten bis auf 2,75 % herunterschleusen.

Die Bank of Canada (BoC) ist der EZB zuvorgekommen. Die Währungshüter in Ottawa senkten gestern erwartungsgemäß ihren Zielwert für den Tagesgeldsatz um einen Viertelprozentpunkt auf 4,75 %. In der anschließenden Pressekonferenz stellte Notenbankchef Tiff Macklem weitere Leitzinssenkungen in Aussicht. Viele Marktbeobachter äußerten im Nachgang der Pressekonferenz die Erwartung, dass bereits auf der nächsten BoC-Sitzung im Juli eine erneute Leitzinssenkung beschlossen wird.

Der Stellenaufbau in den Vereinigten Staaten hat sich gemäß der Erhebung des privaten Personaldienstleistungsunternehmen ADP im Mai verlangsamt. Es wurden 152 Tsd. neue Stellen geschaffen, nach einem Plus von 188 Tsd. im April und 211 Tsd. im März. Der offizielle Arbeitsmarktbericht wird am Freitag dieser Woche veröffentlicht werden. Derweil ist der ISM-Einkaufsmanagerindex für das Dienstleistungsgewerbe wieder über die Expansionsschwelle gesprungen, und dies überraschend kräftig. Der Indikator stieg von 49,4 Punkten im April auf 53,8 Punkte im Mai.

05.06.2024
Ölpreisentwicklung macht Sorgen

Am Wochenende hatte sich die OPEC+ darauf verständigt, die bisherigen Förderkürzungen bis ins dritte Quartal zu verlängern. Nach dieser Zeit sollen sie von derzeit 5,86 Mio. Barrel pro Tag dann bis zum Jahresende wieder schrittweise zurückgenommen werden. Letzteres ist dabei jedoch alles andere als ein Automatismus. Abhängig von der Marktentwicklung könnten die OPEC+-Länder hierauf nämlich auch völlig verzichten. Trotzdem hätte man erwarten sollen, dass sich der Ölpreis nach diesem Schritt zumindest wieder stabilisiert. Tatsächlich war jedoch das Gegenteil der Fall: Der seit Mitte April zu beobachtende Ölpreisrückgang beschleunigte sich sogar nochmals. Seither ist der Preis für ein Barrel der Sorte Brent in Summe dabei um rund 15 % gesunken. Die Furcht der Anleger vor einer angesichts der schwachen Weltkonjunktur sinkenden Ölnachfrage scheint somit deutlich größer zu sein als ihre Sorge vor einem möglicherweise zu knappen Angebot. Diesseits des Atlantiks reagierten die Aktienmärkte hierauf gestern mit deutlichen Abschlägen.

Die gestern veröffentlichten Zahlen zu den US-Auftragseingängen für langlebige Wirtschaftsgüter fielen im April um 0,7 % höher aus als noch im März. Dieser Wert ist allerdings vor dem Hintergrund zu sehen, dass das für März ursprünglich mit +1,6 % vermeldete Wachstum markant auf 0,7 % nach unten revidiert wurde.

Den am Montag präsentierten Einkaufsmanagerindizes zum verarbeitenden Gewerbe (Caixin bzw. ISM) folgten bzw. folgen heute sowohl für China (von 52,5 auf 54,0) als auch für die USA ihre jeweiligen Pendants zum Dienstleistungssektor. Während dieser Indikator für China noch von untergeordneter Bedeutung ist, gilt dies für die USA seit einiger Zeit nicht mehr. Heutzutage hängt die Entwicklung des US-BIP nämlich etwas stärker vom Dienstleistungssektor ab als vom verarbeitenden Gewerbe. Nach 49,4 Punkte im April wird nun für Mai ein Anstieg auf 50,8 Zähler erwartet. Damit würde der temporär unter die 50-Punkte-Marke und damit in die kontraktive Zone abgetauchte Index wieder in den expansiven Bereich zurückkehren. Aber Obacht, zuletzt enttäuschte die Mehrheit der US-Frühindikatoren. Dies galt am Montag auch für das verarbeitende Gewerbe. Auch für diesen Index war für Mai mit einem höheren Niveau als noch im April gerechnet worden. Stattdessen wurde bekanntlich sogar ein niedriger Wert veröffentlicht. Zusätzlich zu diesen neuen Zahlen werden für Deutschland, den gesamten Euroraum, sowie für die USA heute auch die endgültigen Zahlen zu den HCOB- bzw. S&P-Einkaufsmanagerindizes veröffentlicht. Verglichen mit den vor einiger Zeit bereits vorab veröffentlichten Flash Estimates dürften hier unveränderte bzw. höchstenfalls kaum veränderte Werte präsentiert werden.

04.06.2024
US-Wirtschaft enttäuscht derzeit

Die neue Woche startete gestern mit einem Hingucker. Entgegen der weitverbreiteten Erwartung am Finanzmarkt wurde für das Verarbeitende Gewerbe der Vereinigten Staaten per Mai eine Stimmungseintrübung gemeldet. Der zugehörige ISM-Index sank um einen halben Punkt auf 48,7 Punkte: der zweite Rückgang in Folge. Die 50-Punkte-Schwelle, die ab der Expansion angezeigt wird, geriet weiter aus dem Blick.

Eigentlich hätte die gestrige Meldung dem Finanzmarkt Auftrieb geben können, speziell dem Aktienmarkt. In den zurückliegenden Wochen hatte des Öfteren gegolten: "Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten." Denn: Schlechte Nachrichten von der Realwirtschaft lassen die Wahrscheinlichkeit steigen, dass Fed, EZB & Co. schneller und massiver die geldpolitischen Zügel lockern. Gestern kam es anders: Der Aktienmarkt wirkte im Nachgang zur ISM-Veröffentlichung verschnupft. Der S&P 500 rutschte ins Minus. Der DAX büßte als Reaktion rund 100 Punkte ein, bevor neue Käufe einsetzten.

Heute werden die Akteurinnen und Akteure am Finanzmarkt neuerlich Gelegenheit haben, ihre Erwartungen zur Geldpolitik der weltführenden Notenbanken zu justieren. Die Vereinigten Staaten melden für April die Auftragseingänge der Industrie und speziell jene für langlebige Wirtschaftsgüter, weitere Negativnachrichten nicht ausgeschlossen. In den zurückliegenden Wochen enttäuschten die US-Konjunkturdaten mehr als nur einmal. Seit gut einem Monat notiert der zugehörige "Surprise Index" unter null. Wie könnte dies wieder ins Lot kommen? Die US-Konjunkturdaten könnten demnächst wieder aufwärts drehen. Alternativ kann aber auch die Zunft der Expertinnen und Experten ihre Erwartungen an die US-Wirtschaft nach unten anpassen, an eine neue Realität mit weniger Momentum.

Das Highlight dieser Woche wird zweifelsohne am Donnerstag stattfinden: die nächste geldpolitische Entscheidung des EZB-Rats. Alles andere als eine erste Leitzinssenkung nach zehn Anhebungen wäre eine faustdicke Überraschung. Die Finanzmärkte schauen bei alledem über diese Woche hinaus: Kommt die zweite Ermäßigung tatsächlich in einem Vierteljahr, und wird im September dann auch die Fed in den Absenkungsmodus schalten? Viel wird von den weiteren Konjunkturdaten abhängen.

Es bleibt spannend.

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Disclaimer: Hierbei handelt es lediglich um allgemeine Marktinformationen. Diese wurden von der Hypo Vorarlberg erstellt und beruhen auf allgemein zugänglichen öffentlichen Informationen, welche die Hypo Vorarlberg als zuverlässig erachtet. Die in dieser Publikation enthaltenen Empfehlungen sind nicht unter Einhaltung der Rechtsvorschriften zur Förderung der Unabhängigkeit von Finanzanalysen erstellt worden und unterliegen auch nicht dem Verbot des Handels im Anschluss an die Verbreitung von Finanzanalysen.

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